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	<description>Verworrenes Verwirrendes</description>
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		<title>Die Teilnahmslosen</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2011 23:05:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Einsamkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Zwischenwelten]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie lange habe ich kein Lächeln mehr auf deinem Gesicht gesehen? Jetzt sehe ich es und jetzt verstehe ich. Der süße Schlaf vermag hervorzulocken, was mir so lang vergönnt. Du lächelst. Doch wo bist du gerade? Im Dämmerlicht verschwunden. In deine selbstgemalten Bilder hinein getaucht. Dort willst du sein. Allein, ohne dich allein zu fühlen. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie lange habe ich kein Lächeln mehr auf deinem Gesicht gesehen? Jetzt sehe ich es und jetzt verstehe ich. Der süße Schlaf vermag hervorzulocken, was mir so lang vergönnt. Du lächelst. Doch wo bist du gerade? Im Dämmerlicht verschwunden. In deine selbstgemalten Bilder hinein getaucht. Dort willst du sein. Allein, ohne dich allein zu fühlen. In diesen deinen Nebelschwaden verfolgt dich Nichts und Niemand mehr. Hier kannst du sein. Jahrelang habe ich mich gefragt wo du bist, wenn du in dir selbst versinkst. Die Welt ist Traum, der Traum ist Welt. Deine Welt.</p>
<p>Wie oft habe ich dich aufgeweckt aus diesem Nebeldunst; dir sanft ins Ohr geflüstert: Wach auf mein Freund, wach auf. Komm her, komm her zu mir. In eine andere Welt. Nicht meine Welt, nicht deine Welt. Wie oft hast du mich angefleht dich nicht herauszureißen. Kein Licht und keinen Ton. Kein Außen willst du sehen. Wie oft hast du dich weggedreht, in deine Welt hineingedreht?  Nur nicht zurück, nur nicht zurück in diese Welt der Körper.</p>
<p>Ich verstehe dich. Ich verstehe dich gut. Wenn du mich anblickst sehe ich die Unruhe, mit der dich der Gedanke daran erfüllt. Ich weiß genau wie du, dass die Welt der Körper auch die Welt der Zerstörung ist. Hier zerspringen die Schalen der teilnahmslosen Halbkugeln. Doch dich werden sie nicht mit sich nehmen. Niemals werden sie dich aus deiner Welt hinaus lösen. Du bleibst in Sicherheit.</p>
<p>Ich weiß doch ebenso wie du, was in der Körper-Welt geschieht. Ich weiß, dass jene Halbkugeln, nicht mehr als kleine Nussschalen, versuchen sich zu bewegen. Zitternde dünne Beine schnellen heraus aus den Käferkörpern. Ich habe mir vorgenommen einmal wirklich hin zu sehen. Ich will die Augen nicht verschließen. Ich fokussiere wahllos einen der Körper. Ein Bein schnellt hervor und tastet den Grund unbeholfen und hektisch ab. Sobald der Grund an einer bestimmten Stelle ein wenig rauer zu sein scheint verweilt das Bein und streckt sich langsam aus. Es ist ein gerades Bein, ganz ohne Knie. Aus ineinander geschobenen Röhren bestehend, erinnert es an ein Teleskop. Ein erstes Knacken und der Körper erhebt sich langsam vom Boden. Er schiebt über auf eine seiner Kanten. Bald werde ich die weiche, wahrscheinlich schleimige Innenseite des Wesens sehen. Stück für Stück hebt sich das Wesen in die Luft. Nur einen Augenblick verharrt es bewegungslos auf der Kante. Dann beginnt es zu taumeln. Auf ein letztes Knacken folgt der Sturz. Schon liegt der Käfer auf dem Rücken und schaukelt langsam hin und her.</p>
<p>Die Unterseite ist anders als ich es erwartet hätte. Sie ist weder weich noch schleimig. Die Vorstellung kommt mir jetzt, da ich die Unterseite sehe, geradezu absurd vor. Der Panzer des Wesens scheint hier genauso fest zu sein, wie auf der gewölbten anderen Seite. Das Bein ist irgendwo verschwunden; wahrscheinlich schon während das Wesen zu Boden ging. Die verkrustete unebene Schale ist ein gutes Versteck für eingefahrene Beine. So kann ich es nicht mehr erkennen. Während meine Augen nach dem Versteck des Beines suchen, sehe ich, dass an einer Stelle noch müde ein halbes Bein herunterhängt. An der dunklen Verfärbung dieses halben Beines kann ich erkennen, dass es sich um ein altes, schon seit längerer Zeit abgestorbenes Bein handelt. Ich sehe mehrere Schichten, die früher einmal reibungslos ineinander gleiten konnten. Das letzte dieser Stücke endet an einer Art Bruchkante, die ich kaum als Wunde bezeichnen möchte. Dort ist kein Eiter und kein Blut.</p>
<p>Weiter oben, ganz nah am Körper ist das Material matt und eingedrückt. Das Bein hängt von hier an abgeknickt herunter. Ich betrachte die Wurzel des toten Stumpfes. Eine kleine kreisförmige Linie, so fein wie ein Haar, umrundet den Beinansatz. Das also ist es, wonach ich suche. Die Verbindung ins Innere. Auch wenn mich höchstwahrscheinlich nur etwas Widerwärtiges, etwas Abstoßendes erwartet, so möchte ich doch am liebsten die Schale knacken und dieses Wesen herausholen. Nur um es einmal gesehen zu haben. Doch ich begnüge mich damit die raue Schale der Wesens nach feinen Haarrissen zu untersuchen. Vielleicht befinden sich dort auch kleine Löcher, durch die ich hineingucken kann. Während meiner Suche gehe ich einen Schritt zurück, um einen Überblick zu bekommen und um dem Wesen etwas Raum zu geben. Je länger ich auf die Oberfläche starre, desto mehr scheint sie sich zu bewegen. Sie hebt und senkt sich an einigen Stellen. An anderen öffnet sich eine Luke. Sobald mein Auge die entsprechenden Stellen fixiert, ist da nichts mehr. Nur aus dem Augenwinkel kann ich sie sehen.</p>
<p>Die schaukelnde Schale kommt zum Stillstand. Ruhig, vielleicht sogar abwartend wirkt das Wesen auf mich. Langsam schiebt sich ein weiteres Bein hervor. Wieder sind keine Gelenke zu sehen. Und doch unterscheidet sich dieses Bein von seinem Vorgänger. Es scheint den Boden nicht zu suchen und an seiner Oberseite befindet sich eine kleine Kugel. An einem glänzenden Silberfaden wird von dieser Kugel aus ein Haken heruntergelassen. Sobald der Haken den Boden erreicht, beginnt sich das Bein als ganzes zu drehen. Der Haken schleift über den Boden, bis er auf ausreichenden Widerstand stößt. Ich ahne was nun passieren wird. Der Silberfaden wird gespannt und die Angel biegt sich. Wieder höre ich dieses verheißungsvolle Knacken. Die Halbkugel dreht sich langsam auf die Kante.</p>
<p>Ich muss mich zwingen den Blick nicht abzuwenden. Dieses Mal wird es einen lauten Knall geben. Das gesamte Gewicht des Wesens wird mit einem Schlag auf der ebenen Unterseite des Käfers landen. Ich gehe ein paar Schritte zurück. Meine Hände legen sich schützend über meine Ohren, doch meine Augen bleiben geöffnet. Mein Blick ruht weiterhin auf dem halbrunden Etwas, das sich nun wieder senkrecht vor mir aufbaut. Der Körper scheint einen Moment in der Luft zu schweben, und fällt kurz darauf mit atemberaubender Geschwindigkeit zu Boden. Wie bei einer Münze, die sich auf der Kante gedreht hat, ist auch hier noch ein Nachbeben, ein gewisses Zittern erkennbar. Erst als das Zittern nachlässt wird mir bewusst, dass ich nichts gehört habe. Selbst unter den Händen, die sich ängstlich auf meine Ohren pressten, müsste ein Geräusch zu hören gewesen sein. Doch da war nichts. Kein Geräusch. Kein lauter Knall der Befreiung, kein Schrei. Nur die stumme Gewissheit.</p>
<p>Ich atme noch einmal tief durch und betrachte erneut dein schlafendes Gesicht. Ich blicke in deine geschlossenen Augen und flüstere in dein Ohr: Komm zurück mein Freund, komm zurück.</p>
<p>Ich habe mir oft gewünscht du würdest mich mitnehmen in deine Welt. Ich habe die Augen geschlossen, mich neben dich gelegt und dich gesucht. Doch deine Welt ist ein Traum. Dein Traum ist deine Welt. Mittlerweile habe ich begriffen, dass ich sie niemals betreten werde. Nur hier kann ich dich treffen; auch das habe ich begriffen. Doch du schläfst weiter und träumst dich davon. Ich sehe dich träumen. Ich sehe dich lächeln.</p>
<p>Für dich gibt es schon lange keine Käfer, die sich nicht trauen mehr als eines ihrer Beine zu benutzen. Doch hier in der Welt der Körper, der Welt der Kälte, hier warten sie auf dich. Und mit ihnen warte ich und bewache deinen Schlaf. Doch während meiner Beobachtung ist mir etwas weiteres klar geworden: Lange halte ich es hier nicht mehr aus. Allein mit all den teilnahmslosen Halbkugeln habe ich schon zu lange gewartet, während du allein durch deine Träume gewandert bist. Vielleicht siehst du ein Abbild meines Gesichts. Vielleicht hörst du meine Stimme flüstern. Vielleicht fühlst du meine Hände auf deinen Schultern, wenn ich dich wach zu rütteln versuche. Vielleicht hörst du mich rufen. Wach endlich auf! Vielleicht existiert ein Echo meiner selbst in deinem Traum. Doch eines ist mir klar geworden: Ich existiere dort nicht. Ich habe es verstanden. Geräuschlos verstanden. Ganz ohne einen Knall der Befreiung, ganz ohne Schrei bleibt nichts als stumme Gewissheit.</p>
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		<title>Der Laden um die Ecke</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Jan 2011 10:46:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Laden um die Ecke verkaufen sie Bilder &#8211;  von dir und für dich.
Kauf dich sympathisch, flippig, verrückt;
Kauf dich melancholisch und verzweifelt.
Kauf dich reich und  frei und schön.
Hauptsache du verkaufst dich immer und immer wieder gut.
Im Laden um die Ecke verkaufen sie Perspektiven &#8211;  von dir und für dich.
Gut gefütterte, beruhigende Perspektiven,
Auffällige, aufregende Perspektiven.
Kauf dir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Laden um die Ecke verkaufen sie Bilder &#8211;  von dir und für dich.<br />
Kauf dich sympathisch, flippig, verrückt;<br />
Kauf dich melancholisch und verzweifelt.<br />
Kauf dich reich und  frei und schön.</p>
<p>Hauptsache du verkaufst dich immer und immer wieder gut.</p>
<p>Im Laden um die Ecke verkaufen sie Perspektiven &#8211;  von dir und für dich.<br />
Gut gefütterte, beruhigende Perspektiven,<br />
Auffällige, aufregende Perspektiven.<br />
Kauf dir eine Zukunft  -  mit oder ohne mich.</p>
<p>Hauptsache du kaufst dir immer und immer wieder dich.</p>
<p>Im Laden um die Ecke verkaufen sie Gesichter,<br />
Sie verkaufen Meinungen und  Ansichten,<br />
Blickwinkel und  Aussichten.<br />
Und sie verkaufen Alternativen zu käuflichen Gütern.</p>
<p>Hauptsache sie verkaufen sich immer wieder und immer noch gut.</p>
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		<title>Das Monster unter euch</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Oct 2010 21:44:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Abgründe]]></category>
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		<description><![CDATA[Meine Haut ist kalt und glatt. Und niemals sieht sie Licht. Schwarz und trotzdem glänzend wie die Flüssigkeit in euren Köpfen und die blaugrauen Strahlen aus euren gläsernen Röhren. So könnt ihr euch der Illusion hingeben, ihr würdet meine Welt erobern obwohl doch,ganz langsam, all eure Kraft in meinen Adern versickert. Ich muss nichts tun, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Meine Haut ist kalt und glatt. Und niemals sieht sie Licht. Schwarz und trotzdem <strong>glänzend wie die Flüssigkeit </strong>in euren Köpfen und die blaugrauen Strahlen aus euren gläsernen Röhren. So könnt ihr euch der Illusion hingeben, ihr würdet meine Welt erobern obwohl doch,ganz langsam, all eure Kraft in meinen Adern versickert. Ich muss nichts tun, ich muss nur <strong>warten</strong>, bis eure <strong>Lebensläufe</strong> ebenso wenig lebendig sind, wie eure künstliche Beleuchtung Licht enthält. Ich muss nur bleiben wie ich bin. Dunkel. Lichtlos. Schwarz. Ich bleibe stets in eurer Nähe.</p>
<p>Seit jeher lebe ich hier unten. Unter euren Straßen und Häusern. Unter euren Wohnzimmern und unter den Sandkästen, die ihr für eure Kinder gebaut habt.  Unter den Toren eurer Städte, unter euren Fabriken und den teuren Einkaufspassagen habe ich mein großes Reich errichtet. Und ganz von selbst wird  es immer größer, immer tiefer, immer verlockender in seiner dunklen Pracht.</p>
<p>Ich habe zu euch gesprochen. <strong>Jeden Tag</strong> habe ich zu euch gesprochen. Ganz leise nur habe ich geflüstert. Es war so einfach euch hierher zu locken. Ihr habt einen Palast für mich gebaut. Eure Tunnel passen perfekt um meinen Körper. Ihr habt sie für mich gegraben.</p>
<p>Zu Anfang habe ich gedacht, es sei schwierig euch Wesen der Oberfläche unter die Erde zu locken. Doch eure Begeisterung für meine <strong>Gedanken</strong> kennt keine <strong>Grenzen</strong>.  So waren all die Tunnel, die meinem Körper schmeicheln eure und nicht meine <strong>Kreation</strong>. Ich hätte mir nicht träumen lassen, was ihr für mich erschaffen habt.</p>
<p>Eure Züge schlängeln sich durch meine Welt. So habe ich <strong>jeden Tag</strong> mehrere <strong>Möglichkeiten</strong> zu euch zu sprechen. Ich muss nur leise flüstern und schon lasst ihr einen Teil von euch zurück in diesen dunklen Gängen. Einige von euch, <strong>und</strong> es werden jeden Tag mehr, verbringen Tag und Nacht in diesen dunklen Schächten. Wandern in lichtlosen Welten daher.</p>
<p>Ich sause durch die langen geraden Gänge unter der Erde. Irgendwo dort oben sind eure Städte. Ich kann euch hören, doch ihr habt keine noch so blasse Ahnung von meiner <strong>Existenz</strong>. Ihr denkt ihr lebt dort oben wie es euch gefällt, doch ich weiß es besser. Immer öfter gehorcht ihr meinen Befehlen. Immer öfter zwängt ihr euch in großer Zahl in kleine Räume, und atmet Luft, die meine Lungen dort für euch zurückgelassen haben. Ich habe euch Stühle bauen lassen, die für meinen Körper <strong>perfekt</strong> sind und die eure eigenen Körpern, je länger ihr auf ihnen sitzt, um so mehr Schmerzen zufügen. Eure Uhren sind mit meinem Herzschlag <strong>synchronisiert</strong> und bald, sehr bald, <strong>sind</strong> meine Rhythmen von den euren nicht mehr zu unterscheiden.</p>
<p>Ich habe mich in <strong>eure Träume</strong> geschlichen. Meine Nächte verschlingen eure Tage. Mein Reich ist <strong>effizient</strong>. Ich gleite durch die dunklen Gänge, fließe mit dem Blut durch Eure Adern. Ich bin <strong>zielstrebig, dynamisch, mobil</strong>. Ich bin <strong>effizient</strong>!</p>
<p>Ich bin schon lange nicht mehr nur das Monster unter euch. Ich bin das Monster in euch.</p>
<p><strong>Glänzend wie die Flüssigkeit<br />
Warten  Lebensläufe</strong></p>
<p><strong>Jeden Tag Gedanken-Grenzen<br />
Kreation und  Existenz<br />
Jeden Tag Möglichkeiten</strong></p>
<p><strong>Perfekt  synchronisiert</strong><strong><br />
Sind  eure Träume</strong></p>
<p><strong>Effizient<br />
</strong><strong>Zielstrebig</strong><strong><br />
Dynamisch<br />
Mobil</strong></p>
<p><strong>Effizient</strong></p>
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		<title>Die Hebamme und das Fenster zur Welt</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Aug 2010 07:54:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gruselgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Abgründe]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Zwischenwelten]]></category>

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		<description><![CDATA[Große schwarze Kugeln blicken in die Welt. Und ich blicke in tiefes Schwarz.  Diese Augen sehen etwas gänzlich anderes sehen als die meinen. Ein kleiner Kopf mit großen Augen, in denen sich klar ein Abbild meiner selbst abzeichnet. Der kleine Körper windet sich in meinen Armen. Noch zwanzig Meter durch den Korridor mit weißem Licht. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Große schwarze Kugeln blicken in die Welt. Und ich blicke in tiefes Schwarz.  Diese Augen sehen etwas gänzlich anderes sehen als die meinen. Ein kleiner Kopf mit großen Augen, in denen sich klar ein Abbild meiner selbst abzeichnet. Der kleine Körper windet sich in meinen Armen. Noch zwanzig Meter durch den Korridor mit weißem Licht. Das ist kein guter Ort für diese Augen, denke ich. Kein guter Ort.</p>
<p>Im grellen Licht wirst du lernen sie zu verschließen. All das Licht fällt durch die Schwärze dieser Augen, tief in dich hinein. Etwas, nicht alles, wird zurück geschleudert. Zurück nach außen. Zurück zu mir.</p>
<p>Große schwarze Kugeln. Die Augen einer Fliege. Mein Abbild reist durch dunkle Nacht, kommt an, und kehrt nur teilweise um. Ich bleibe kurz vor einer der Türen stehen und blicke auf das zurückgeschleuderte Bild. Alles ist in die Schwärze eingetaucht. Und etwas kommt zurück. Etwas, das auch ich sehen kann. Auch ich. Doch was hast du gesehen?</p>
<p>Noch sind deine Augen unverschlossen, ohne Schmerz. Noch siehst du alles. Noch erreicht dich alles. Kleiner zappelnder Körper im Handtuch.</p>
<p>Es wird drei oder vier Tage dauern, dann wird es anders sein. Dann wird alles anders sein. Mein Abbild wird schon beim Eindringen in das nicht mehr ganz so schwarze Dunkel jenen Teil verlieren, der nun den Weg nach innen übersteht und sich in der Dunkelheit verirrt. Jenen anderen Teil.</p>
<p>Erneut bleibe ich vor einer der großen Türen stehen. Vor deiner Tür. Zumindest heute ist es die deine. Gleich wird die Mutter in deine schwarzen Augen blicken und den Unterschied nicht merken. Sie wird denken, sie könne dich sehen. Doch du wirst der Sehende von euch sein. Du wirst sie sehen. Alles sehen. Und deine Mutter wird dich niemals verstehen, da sie nicht weiß, was du in diesen ersten Tagen deines Lebens gesehen hast. Nur ich könnte dir erklären, was es mit den Bildern in deinem innersten auf sich hat. Doch mich wirst du nach diesen ersten Tagen nie wieder sehen.</p>
<p>Für mich verläuft so ein Tag nach dem anderen. Jeden Tag sind es andere Augen, in denen ich mich verliere. Andere neu geborene Augen. Die Leute sagen, dass die Dunkelheit eines Kindes intensiver ist, als die Dunkelheit der Erwachsenen. Die Leute reden viel über Kindheit. Doch sie reden nie über die Dunkelheit des Neugeborenen. Jene kleine Unendlichkeit, die ich Tag für Tag durch lange Flure trage. Frisch gewaschene, weiche kleine Körper. Und zwei Zentren dieser Dunkelheit, dieser Schwärze. Was auf der anderen Seite ist, wird wahrscheinlich nie jemand mit wirklich treffenden Worten beschreiben können. So bleibe ich dabei es Dunkelheit zu nennen, auch wenn ich in meinem Inneren weiß, dass es mehr ist, als das.</p>
<p>Manchmal bin ich stolz, darauf, diesen Teil meiner selbst in den kleinen Augen zu verlieren. Die kleinen Wesen werden irgendwo da draußen aufwachsen, wenn sich ihre Augen geschlossen haben. Sie werden mit jenem Teil meines Abbildes im Kopf herumlaufen. So werde ich ein Teil von Ihnen sein. Innerhalb der ersten drei Tage sehen die Neugeborenen eine Menge. Es wird viele dieser Bilder geben, die sich in der Dunkelheit verirren und ewig verweilen. Doch jenes Fragment meiner selbst wird eines dieser Bilder sein.</p>
<p>Nach drei Tagen wird alles tief verschlossen. Wahrscheinlich schmerzen die Augen und eine Verbindung wird getrennt. Die Bilder dringen nicht mehr ganz nach innen. Schmelzende Dunkelheit.</p>
<p>Auch außerhalb des Krankenhauses muss ich manchmal an diese Augen denken. Letztens habe ich die Fenster in meiner Wohnung geputzt. Der Lappen bewegte sich mit einem fast nicht wahrnehmbaren Kratzgeräusch über das Glas. Kleine Kristalle zerstörten die Oberfläche. Winzige Kratzer entstanden. Die benetzte Glasfläche warf ein leicht verzerrtes Bild zurück. Überall waren diese kleinen Kratzer, die mein Auge nicht sehen kann. Der Lappen war nicht richtig sauber, wie auch das Wasser. Einige Stunden später war die Glasfläche getrocknet. Überzogen von einem dünnen Kalkfilm. Ich blickte auf die Straße und sah einen trüben Teil der Welt.</p>
<p>So etwas ähnliches muss mit den neugeborenen Augen geschehen. Sie werden wie meine Augen. Sie werden wie die zerkratzte, getrübte Glasscheibe. Manche Menschen blicken durch das Fenster und meinen sie würden das außen sehen. Von innen nach außen sehen. Es ist doch ein sauberes Fenster, sie haben doch gute Augen. Es gibt keine Veränderung. Es gibt keine trennende Scheibe. Ich blicke aus dem Fenster, Tag für Tag, und ich sehe doch nur etwas anderes. Etwas unvollständiges, unwirkliches. Nur durch die dunklen unerfahrenen Augen kann jener fehlende Teil bestehen. Jener Teil meines Spiegelbildes der ewig in geschmolzener Dunkelheit verweilen wird.</p>
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		<title>Kritisch gegenüber den Kritikern</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 19:38:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Existenzen]]></category>
		<category><![CDATA[Veränderung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die gesellschaftlich akzeptierte Form der Gesellschaftskritik verüben.
Und die Kritik an den Medien aus den Medien schöpfen.
Sich als provokant bezeichnend nur Abwesende provozieren.
Die angebotene Alternative bleibt stets im Rahmen.
Kritiklos die als kritisch bezeichneten Nachrichten wiederholen.
Und Andersartigkeit vortäuschend den anderen nacheifern.
Konsumkritik zum Abendbrot genussvoll konsumieren.
Die angebotene Alternative bleibt stets im Rahmen.
Denn Alternativenanbeter bitten Alternativenanbieter
Immer und immer wieder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die gesellschaftlich akzeptierte Form der Gesellschaftskritik verüben.<br />
Und die Kritik an den Medien aus den Medien schöpfen.<br />
Sich als provokant bezeichnend nur Abwesende provozieren.</p>
<p>Die angebotene Alternative bleibt stets im Rahmen.</p>
<p>Kritiklos die als kritisch bezeichneten Nachrichten wiederholen.<br />
Und Andersartigkeit vortäuschend den anderen nacheifern.<br />
Konsumkritik zum Abendbrot genussvoll konsumieren.</p>
<p>Die angebotene Alternative bleibt stets im Rahmen.</p>
<p>Denn Alternativenanbeter bitten Alternativenanbieter<br />
Immer und immer wieder um eingerahmte Alternativen.<br />
So bleibt keine Alternative ohne Rahmen.</p>
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		<title>Die Legende der Schlafenden</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Jul 2010 15:06:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Existenzen]]></category>
		<category><![CDATA[Gefängnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Schattenspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Zirkuläres]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Löffel bewegte sich in langsamen Kreisen durch den Kaffee. Beizeiten stoppte er, so dass sich kleine Wirbel auf der tiefschwarzen Oberfläche bildeten. Dann begann er erneut, sich im Kreise zu drehen. Im Zwiegespräch mit der Flüssigkeit, die sowohl die müden, verstaubten Gedanken als auch die Sorgen des Alltags vertreiben sollte, tanzte der silbern schimmernde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;">Ein Löffel bewegte sich in langsamen Kreisen durch den Kaffee. Beizeiten stoppte er, so dass sich kleine Wirbel auf der tiefschwarzen Oberfläche bildeten. Dann begann er erneut, sich im Kreise zu drehen. Im Zwiegespräch mit der Flüssigkeit, die sowohl die müden, verstaubten Gedanken als auch die Sorgen des Alltags vertreiben sollte, tanzte der silbern schimmernde Löffel in den zierlichen, schon leicht zittrigen Fingern einer älteren Frau. Während sich ihre Hand auf diese verspielte Weise bewegte, suchte sie nach Worten. Schon lange hatte sie daran gedacht, dem einige Jahrzehnte jüngeren Mann auf der anderen Seite des Tisches die Geschichte des unglückseligen Indianerstammes zu erzählen. Die Geschichte der Vorfahren. Ihre Geschichte.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="padding-left: 30px; text-align: left;">„Einem Indianerstamm aus grauer Vorzeit“, so begann sie schließlich mit brüchiger Stimme „wurde ein tragisches Schicksal zuteil. Alles begann mit dem Fluch eines vertriebenen und schon fast vergessenen Häuptlingssohnes. Jahre zuvor war er in Ungnade gefallen, da er sich den dunklen Mächten zugewandt hatte. In den Jahren der Trennung von seinem Stamm hatte er sich zu einem wahren Künstler dieser Mächte entwickelt, um sich für seine Rache zu wappnen. So betrat er als böser Zauberer die Feuerstelle in der Mitte des Lagerplatzes und sprach den Fluch aus, der alles veränderte.“<br />
„Zunächst“, so berichtete die alternde Frau, „traf er nur die Erwachsenen, während die Kinder so lange verschont blieben, wie sie noch Kinder waren. Sie wurden geboren und wuchsen auf, ohne dass ihnen ein Leid geschah. Wenn sie jedoch älter wurden und bald dem Kreise der Männer und Frauen angehörten, befiel der Fluch nach und nach auch sie.<br />
Es begann, ganz unmerklich damit, dass sie ein wenig länger schliefen, als zuvor. Dies war das erste, versteckte Zeichen des Zerfalls. Mit jedem Tag wurden ihnen die Augenlider schwerer, so dass sie sich immer öfter am helllichten Tage an einem beliebigen Platz hinlegten, um eine Weile zu ruhen. Bald darauf wurden die Perioden ihres bösen Schlafes länger und länger, bis sie letztendlich ineinander übergingen. Schließlich begannen sie im Schlafe aufzustehen, herumzuwandern und sogar mit fest geschlossenen Augen zu sprechen. Es dauerte eine Weile, bis sie vollends unter dem Bann des Zauberers standen, so dass ihre Augen für immer verschlossen blieben. Schlafend und willenlos bewegten sie sich durch die Welt des großen Zauberers und taten, was immer dieser ihnen befahl. Der Zauberer war ein geschickter Puppenspieler und so kam es, dass sie sich mit ihren geschlossenen Augen scheinbar natürlich bewegten und die anfängliche schlafwandlerische Unsicherheit ihrer Bewegungen verschwand. Konnte man ihre geschlossenen Augen nicht sehen, so war es unmöglich zu erkennen, dass der böse Fluch auf Ihnen lastete. Zielgenau trafen ihre Hacken den Boden zwischen den Pflanzen und präzise trafen ihre Pfeile das Ziel. Denn obwohl es ihre Hände waren, die sich bewegten, so waren es doch stets die Bewegungen des Zauberers, die von ihnen ausgeführt wurden und es waren die Augen des Zauberers, die das Sehen für die blinden Schlafenden übernahmen. Der meisterhafte Puppenspieler brachte sie mit Leichtigkeit dazu länger und besser zu arbeiteten, als je zuvor und erlangte so unermesslichen Reichtum.“</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Der Zuhörer hatte den Worten der alten Geschichtenerzählerin aufmerksam gelauscht.  Er führte die Tasse zum Mund und nahm einen Schluck des Getränkes, das dazu geschaffen war ihm wieder ein wenig Leben einzuhauchen. Koffein pulsierte in seinen Adern und er fragte die Erzählerin: „Konnte denn Keiner dem Bann des Zauberers entkommen? Sind denn nicht die Jugendlichen, die von Natur aus rebellischen und widerstandsfähigen, aufgestanden um gegen den Fluch anzukämpfen?“ Die alte Frau lächelte. Sie hatte eine derartige Frage von  ihrem Gegenüber erwartet. So setzte sie ihre Erzählung nahtlos fort.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="padding-left: 30px; text-align: left;">„Da hast du ganz Recht, es waren vor allem die Jugendlichen des Stammes, die ab und an erwachten. Ganz plötzlich ließen sie dann die Hacke oder den Bogen fallen, öffneten die Augen und blinzelten in das Licht. In diesen seltenen Momenten der Klarheit begriffen sie, was um sie herum geschah und versuchten ihre Eltern, Großeltern oder den Stammesführer aus dem Schlafe zu erwecken. &#8216;Wacht auf, wacht auf!&#8217; riefen sie. &#8216;Öffnet die Augen und seht was mit euch geschieht. Er hat euch in seiner Gewalt!&#8217;<br />
Auch die Kinder, die noch nicht im Banne des Zauberers waren bemühten sich immer und immer wieder verzweifelt ihre Eltern und Geschwister dem Schlafe zu entreißen. Doch ihre Bemühungen blieben, wie die Versuche der kurzzeitig sehenden Jugendlichen, stets erfolglos. Die schlafenden Älteren wachten nicht mehr auf. Mit geschlossenen Augen taten sie weiter, was ihnen geheißen war; ohne es zu begreifen. Die Kinder mussten machtlos zusehen was um sie herum geschah, wobei ihnen, je länger die Perioden ihres eigenen Schlafes wurden, immer bewusster wurde, dass auch sie dem Fluch anheim fallen würden. Nicht wenige von Ihnen stürzten, wie auch ein großer Teil der kurzzeitig Erwachten in ihrer Verzweiflung in den nahen Fluss. Andere versuchten dem Fluch standzuhalten. Sie hielten sich tage und nächtelang gegenseitig wach. Doch wie sehr sie es auch versuchten, irgendwann kam der Punkt an dem sie schlafend nebeneinander im Gras lagen.“</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Die alternde Frau machte eine Pause um ihrem jungen Zuhörer Zeit für eine weitere Frage zu geben. Der Löffel in ihrer Hand tanzte erneut durch den Kaffee. Er drehte sich so schnell im Kreise und wechselte die Richtung so überraschend, dass er fast wirkte als würde sich der Löffel ganz unabhängig von der Hand durch die schwarze Flüssigkeit bewegen. Es konnte sogar der Eindruck entstehen es sei der Löffel, der die Hand der alten Frau bewegte. Der Zuhörer hingegen bemerkte den merkwürdigen Tanz in der Tasse nicht. Seine Lippen öffneten sich und er stellte die Frage, die ihm so sehr auf dem Herzen lag. „Konnte denn kein Einziger entkommen? War denn niemand immun oder konnte Kräfte entwickeln, die dem Zauber entgegenwirkten?“ Auch auf diese Frage kannte die Frau mit dem tanzenden Löffel eine Antwort.</p>
<p style="text-align: left;">
<p style="padding-left: 30px; text-align: left;">„Die Legende berichtet von einigen wenigen, denen es tatsächlich gelang ein ganzes Leben mit geöffneten Augen zu verbringen. Diverse Überlieferungen erzählen uns die Einzelschicksale der Sehenden unter den Blinden. Doch das, mein junger Freund, sind andere Geschichten. Morgen werde ich dir von ihnen erzählen.“</p>
<p style="padding-left: 30px; text-align: left;">
<p style="text-align: left;">So beendete die alternde Erzählerin ihre Geschichte. Der Zuhörer am anderen Ende des Tisches stellte keine weiteren Fragen. Sie saßen sich eine Weile stumm gegenüber, während sich ein Löffel in einer leeren Tasse bewegte. Die Frau mit dem gräulichen Haaransatz hob den Kopf und führte die Tasse zum Mund. Ein kehliger Laut ertönte, während kalte Luft, als heißer Kaffee empfunden, verschluckt wurde. Nachdem sie die Tasse abgesetzt hatte, wischte sich die Erzählerin mit einer kurzen Handbewegung über den Mund.</p>
<p style="text-align: left;">Wenn ein kleines Mädchen mit Puppen spielt, so führt es die Tasse zum Puppenmund. Ist das Mädchen geschickt, so wischt sich die Puppe nach dem Absetzen der Tasse kurz über den Mund.</p>
<p style="text-align: left;">Mit geschlossenen Augen unterhielten sich die Schlafenden am Kaffeetisch noch eine Weile, während die leeren Tassen in unregelmäßigen Abständen ihre Lippen berührten. Sie erzählten sich Geschichten, wie sie sich Schlafende erzählen. Geschichten voller Lügen.</p>
<p style="text-align: left;">Die „Legende der Schlafenden“ ist weder die Geschichte eines Indianerstammes, noch spielt sie in grauer Vorzeit. Sie ist eine Komposition von Lügen, die sich Schlafende gegenseitig erzählen. So besteht eine erste Lüge darin, dass ein böser Zauberer existiert, der für den Schlaf verantwortlich ist. Und auch die Geschichten von denen, die es geschafft haben, dem Schlaf standzuhalten, sehend zu bleiben, sind nichts als die Gutenachtgeschichten der Schlafenden.</p>
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		<title>Überwältigt</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jun 2010 15:59:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Existenzen]]></category>
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		<description><![CDATA[Es geschah immer wieder ganz unvorhergesehen. Etwas drang in seinen Kopf ein und löschte alles aus, was war. Es konnte eine Unterhaltung sein, die er auf der Straße hörte. Einzelne Satzfetzen hämmerten sich tief in seinen Kopf und stellten, allein durch ihre pure Existenz, eine ihn überwältigende Grausamkeit dar. Dieses mal war es ein Bild, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es geschah immer wieder ganz unvorhergesehen. Etwas drang in seinen Kopf ein und löschte alles aus, was war. Es konnte eine Unterhaltung sein, die er auf der Straße hörte. Einzelne Satzfetzen hämmerten sich tief in seinen Kopf und stellten, allein durch ihre pure Existenz, eine ihn überwältigende Grausamkeit dar. Dieses mal war es ein Bild, welches ihm nie wieder aus dem Kopf gehen würde.</p>
<p>Stumm und dumpf starrte sie ihn an. Er blieb langsam stehen und der Augenblick in welchem er den Blick noch hätte abwenden können verstrich. Er war gefangen; sie hatte ihn in seinen Bann gezogen. Die gesamte, vergilbte Oberfläche wellte sich schon. Er erkannte, dass die Last des immer wieder überklebten Papiers zu schwer geworden war. An einer Ecke schienen sich alle Schichten gemeinschaftlich gelöst zu haben. Sie hingen als dicker Hautlappen hinunter und gaben die Sicht frei auf eine klaffende Wunde. Schleimiger Eiter quoll aus ihr hervor. Trotz dieses nahezu unerträglichen, Übelkeit erregenden Anblicks war er erleichtert, dass der Eiter das verdeckte, was sich hinter ihm verbergen musste. Allein die Ahnung dessen, was ihn dort erwarten könnte, erfüllte ihn mit blanker Panik. Es war etwas Verbotenes, dass niemand sehen durfte. Die Erleichterung nicht bis hinter diese allerletzte Eiterschicht sehen zu können gab ihm ein wenig Energie. Die Fähigkeit zur Bewegung kehrte in seinen Körper zurück, er war wieder in der Lage zu atmen, zu denken, zu handeln.</p>
<p>Er kam nicht umhin diesen Anblick weiter eingehend zu untersuchen. Er wollte bei der  obersten Schicht beginnen. Diese hatte sich zwar durch den Regen weitestgehend gelöst oder war heruntergerissen worden, doch auch der kleinste Überrest würde ihm möglicherweise die gesuchten Antworten geben können.</p>
<p>Er war Überzeugt, dass er noch Spuren der obersten Schicht finden konnte. Etwas musste geblieben sein in diesem Chaos des Zerrissenen. Als seine Augen versuchten zu erkennen an welcher Stelle noch Überreste des obersten Plakates zu sehen waren, schien ihm ein einsames und trotzdem höhnisches Grinsen nahezu entgegen zu fliegen. Das Grinsen ragte weit über den Papierfetzen hinaus, auf dem er es entdeckt hatte. Es kam ihm vor, als sei dieses Grinsen das wahre Gesicht der Plakatwand, was natürlich unmöglich war.</p>
<p>Nach einer genauen Untersuchung der Risskanten stellte er fest, dass es sich tatsächlich um die oberste Schicht der Plakatwand handeln musste. Seine Augen begannen die Zähne zu umkreisen und gelangten schließlich zu jenen roten Fleischstücken, welche einmal Lippen gewesen sein mussten. Während er immer tiefer in die Betrachtung der Lippen versank, nahm er einen ekelerregenden Geruch war, der sich langsam steigerte. Zunächst dachte er es sei der abgestandene Duft der aufgequollenen Pappschichten vermischt mit jenem strengen Leimgeruch, der die verschiedenen Schichten zusammen halten sollte. Doch mit der Zeit erkannte er ein unaufhörliches Anschwellen und Abklingen des Geruches. Es wurde ihm mit quälender Gewissheit bewusst, dass der Mund ihm seinen verwesend anmutenden Atemhauch entgegen blies. Lange musste dieser Mund hier gehangen haben, denn der Atem war schon fast zerbrochen. In kurzen Zügen, die kaum einen Rhythmus in sich trugen, quoll die Luft schwerfällig, fast unwillig zwischen den Zähnen hervor, die in stummer Reglosigkeit verweilten. Der schon fast vergangenem papierne Lebenshauch der alten Plakatwand drang tief in den Betrachter ein, als wolle er in ihm weiterleben. Er fand den Weg in sein Innerstes, wurde ein Teil von ihm und vermischte sich mit allem, was er in ihm vorfand. Der Mann vor der Plakatwand atmete tief durch und konzentrierte sich auf die Beobachtung der verschiedenen Schichten auf der zerrissenen Oberfläche.</p>
<p>Kratzend gelangten seine Augen erneut zu den Lippen. Roter Lippenstift schmückte sie. Nicht aufdringlich sondern eher dezent, blassrot schimmernd. An manchen Stellen, so erkannte er, zeigten die Lippen die weiche Anschmiegsamkeit der Lippen eine lächelnden Mundes. Früher musste das Grinsen einmal nach einem Lächeln ausgesehen haben, doch nun, da das zugehörige Gesicht mit großen Teilen des Plakates verschwunden war, konnte er es erkennen: Es war kein Lächeln und es war nie ein Lächeln gewesen. Es war von so großer Traurigkeit umhüllt, dass er sich zwingen musste nicht wegzusehen. Er blieb tapfer vor dem Plakat stehen; war entschlossen das Grinsen zu besiegen. Sein Blick härtete sich. Er würde das Grinsen ertragen ohne den Verstand zu verlieren. Es würde ihn nicht vollkommen überwältigen können. Er leistete Widerstand und hielt durch. Als er seinen Augen wieder erlaubte sich zu bewegen fuhr sein Blick die abgerissenen Kanten entlang, die den Mund vom Rest des Plakates trennten.</p>
<p>Sein Blick löste sich ein wenig von dem Stück Mund und er erkannte immer mehr Motive auf den verschiedenen Papierschichten. Ein Stück Arm oder Bein. War es der Körper zu dem das Grinsen gehörte? Er versuchte eine Verbindung zu ziehen, eine ganze Person zu sehen. Nein, es passte nichts zusammen von all den zerstreuten Überbleibseln. Das Grinsen gehörte nicht zu diesen Stücken eines menschlichen Körpers und auch zu keinem anderen Teil der Plakatwand. Er betrachtete nun die Risskante des Papiers auf dem er ein Bein zu erkennen glaubte.  Er erkannte, dass sich diese Abbildung nicht mehr auf der obersten Schicht befand. Sie war überklebt worden. War es die zweite, dritte Haut? Es war nicht zu erkennen. Ein Fetzen. Ein sinnloser Fetzen. Irgendwann einmal musste diese Extremität, die dort wieder zum Vorschein kam die oberste Schicht gewesen sein. Wahrscheinlich war es nie die einzige Schicht gewesen und natürlich war auch diese Schicht nicht das versteckte Gesicht der Plakatwand, aber zumindest war sie einmal oberste Schicht gewesen, bevor sie in die Vergangenheit verbannt worden war, aus der sie nun wieder auftauchte. Hatte sie sich gewehrt beim Überkleben und von diesem Zeitpunkt an gekämpft um durch stetiges Schaben wieder an die Oberfläche zu treten? Oder hatte sie es damals genossen unterzutauchen, hatte sie sich geborgen und vor neugierigen Blicken geschützt gefühlt? Er vermochte es nicht zu erkennen, wie er auch die aufgeklebte Plakatwelt nicht mehr sehen konnte. Und doch war alles geblieben und würde von nun an immer bei ihm sein.</p>
<p>Würde er ewig hier stehen müssen? Er musste den einen Versuch unternehmen, von dem alles abhing. Er drehte der Plakatwand den Rücken zu, lehnte sich kurz gegen sie und ging leicht in die Knie. Nun hing das Grinsen genau über seinem Kopf und der Atem fuhr ihm durch die Haare. Seine Hände tasteten nach der Unterkante der Plakatwand. Er saugte noch einmal den Atem der Plakatwand ein und stemmte sich von unten gegen sie. Es knirschte leise und sie schien sich nicht von der Stelle zu bewegen, doch er legte nun all seine Kraft in die Vorwärtsbewegung. Jede Faser seines Körpers unterlag nur noch dem einen Willen.</p>
<p>Ein Lautes Knacken war zu hören, während ein Ruck durch seinen Körper ging. Die Plakatwand auf den Schultern hatte er sich erhoben. Er triumphierte, obwohl sie ihn fast zu Boden drückte und ging die ersten  Schritte mit der neuen Last. Er wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich daran zu gewöhnen dieses Gewicht auf seinen Schultern, dieses Grinsen in seinem Nacken und diesen verwesenen Atem mit sich herumzutragen.</p>
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		<title>Drei Kreise</title>
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		<pubDate>Tue, 25 May 2010 07:21:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Da ist kein Gedanke mehr, während dieser Mann an der Tafel steht und redet. So viele Worte und kein Gedanke. So viele Zeichen schreibt er an die Tafel. Weiße Zeichen auf  grünschwarzem Grund. Und was ist in meinem Kopf? Einige Worte hallen noch nach. Einige Worte, doch kein Gedanke. Nicht jetzt und hier. Nicht mehr. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da ist kein Gedanke mehr, während dieser Mann an der Tafel steht und redet. So viele Worte und kein Gedanke. So viele Zeichen schreibt er an die Tafel. Weiße Zeichen auf  grünschwarzem Grund. Und was ist in meinem Kopf? Einige Worte hallen noch nach. Einige Worte, doch kein Gedanke. Nicht jetzt und hier. Nicht mehr. All die Worte, die fröhlich plättschern. Die hat ein anderer vielleicht einmal gedacht.</p>
<p>Der Mann an der Tafel malt drei Kreise und sagt: „Das ist unsere Gesellschaft“ Drei gleich große Kreise sind unsere Gesellschaft. Stumpf blicken mich die Kreise an. Ich halte dem Blick stand. Eins, zwei, drei Kreise bilden ein Dreieck. Das also sind wir.</p>
<p>Und immer noch. Trotz dieser gewagten These.  Immer noch kein Gedanke weit und breit. Der Mann an der Tafel schreibt und spricht weiter. Die Kreide zeichnet verstaubte Gedanken auf schwarzgrünen Grund. Vorgekaute Kost. Und immer noch kein Gedanke. Nicht jetzt und nicht hier. Nicht mehr.</p>
<p>Der Mann an der Tafel hebt leicht die Stimme. Tonfall und Rhythmus ändern sich. Dann eine Pause. Ein kleiner Schnitt. Mein Brustkorb hebt und senkt sich ruckartig. Meine Kehle stößt abrupte Laute aus. Ich höre mich Lachen. Das Gelächter ebbt ab und mein Atem normalisiert sich. Ich betrachte das Mädchen neben mir an. Hat auch sie gelacht? Braunes, leicht gewelltes Haar fällt über ihre Schulter. Sie dreht den Kopf und blickt mich an. Grüne Augen. Fast schon schwarz.</p>
<p>Mit weißer Kreide hat auch hier jemand drei Kreise gezeichnet. Weiße Zeichen auf grünschwarzem Grund. Drei Kreise. Das also sind wir. Nur eine Reflektion. Ein Nachhall des Bildes auf der Tafel. Ich fokussiere verschiedene Bereiche ihrer Augen, doch ich kann keine weitere Struktur in diesem tiefdunklem Grün erkennen. Keine Struktur, auf der mein Auge wandern können. Und kein Gedanke. Noch immer nicht. Die weißen Konturen werden schärfer anstatt zu verschwimmen. Der Kreidestaub hebt sich immer deutlicher ab. Ich kann schon die einzelnen Körner erkennen.</p>
<p>Die Kreise fangen an sich zu bewegen. Sie schieben sich langsam über die grüne Regenbogenhaut. Ist es Einbildung? Das Mädchen scheint nichts zu bemerken. Ihre Augen sind starr auf die meinen gerichtet.  Schneller und schneller drehen sich die Kreise. Wie kleine Propeller funkeln mich ihre Augen an.</p>
<p>Ich habe es befürchtet. Sie blickt mich an und lächelt. Ihre Lippen öffnen sich und ich weiß schon was kommt. Sie flüstert: „Ein Grund verrückt zu werden?“</p>
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		<title>The Shadows Of Your Ghosts</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Apr 2010 15:02:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
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		<description><![CDATA[There’s a shadow of a ghost
There’s a shadow
There’s a ghost
In the mirror

People say they are your friends
People say they stand behind you
Not just in the mirror

People say there is no shadow
People say there is no ghost
In the mirror
Ghosts say there is no shadow
Shadows say there is no ghost
Nothing’s in the mirror

Where’s the shadow? Where’s the [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;">There’s a shadow of a ghost<br />
There’s a shadow<br />
There’s a ghost<br />
In the mirror</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">People say they are your friends<br />
People say they stand behind you<br />
Not just in the mirror</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">People say there is no shadow<br />
People say there is no ghost<br />
In the mirror</p>
<p style="text-align: center;">Ghosts say there is no shadow<br />
Shadows say there is no ghost<br />
Nothing’s in the mirror</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">Where’s the shadow? Where’s the ghost?<br />
I can’t see them<br />
In the mirror</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">Without a shadow and a ghost<br />
In the mirror<br />
I’m just the shadow of a ghost<br />
Just a shadow<br />
Just a ghost</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">I’m the shadow of your ghost<br />
I’m your shadow<br />
I’m your ghost</p>
<p style="text-align: center;">I’m your mirror</p>
<p style="text-align: center;">
<p>Wenige Minuten nach dem Verfassen dieses Gedichtes, spürte der Autor an verschiedenen Stellen seines Körpers eine Art Spannung. Dieses Gefühl war kein wirklicher Schmerz, auch wenn es ein schmerzverzerrtes Gesicht beim Autor auslöste.</p>
<p>Wenn Glas bricht, dann richten sich die Molekülketten zunächst nur unmerklich anders als gewohnt aus, um einem äußeren Druck zu entgehen. Winzige Fehlstellungen entstehen, die einzelnen Atome und Moleküle werden gegeneinander verrückt, bleiben jedoch zunächst noch miteinander verbunden. Die Spannung, die der Autor in jenem Moment verspürte, schien einer ähnlichen Verschiebung der Moleküle seines Körpers gegeneinander zu entspringen. Scheinbar ohne jede äußere Kraftwirkung, entstand sie ganz plötzlich und hielt dann über mehrere Sekunden an. Anschließend an einen fast unmerklichen Steigerungsprozess brach sie stellenweise zusammen. Es folgte eine Kaskade kleinster Risse, die sich aufsummierten und nach und nach diskrete Bruchkanten bildeten. An diesen Kanten entstand das für das Zerbrechen von Glas typische, kristalline Muster. Kleine, kaum sichtbare Abgründe befanden sich auf der neu entstandenen Oberfläche.</p>
<p>Es war nicht die Veränderung selbst, sondern der begleitende Ton, der dem Autor körperliche Schmerzen zufügte. Obwohl der Schmerz intensiver war, als alles zuvor gespürte, schrie der Dichter nicht. Er hatte schon zuvor begriffen. Er hatte mit dem letzten Satz seines Gedichtes begriffen, dass er sein Schicksal mit dieser Niederschrift besiegelt hatte. Bei jenem schmerzenden Ton handelte es sich um den vielfach verstärkten Klang zerberstenden Glases. Während das Geräusch zerbrechendes Glas zumeist nur in einer Umgebung von wenigen Metern und in jedem Fall sehr leise zu hören ist, reichte der Ton weiter als das sonntägliche Geläut der Kirchenglocken und weiter als der Autor zuvor je gereist war. Er schien mit der Entfernung kaum abzuklingen.</p>
<p>Noch heute berichten die Menschen von jenem Klang. Sie bezeichnen ihn als das Lied des Todes, eine Welle der Zerstörung, als Bitterkeit des Eises. Der Ton, der die letzten Atemzüge des Dichters begleitete, hat viele Namen. Man sagt, es sei für die Nachbarn am schlimmsten gewesen. Für die Mutigen unter ihnen, die Wochen später das Haus betraten. Zum Schutz vor Geistern hängten sie schwarze Tücher über die Spiegel an den Wänden. Das Gedicht und die Scherben am Schreibtisch hingegen rührten sie nicht an. Der Anblick allein genügte, um Ihnen alles zu nehmen.</p>
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		<title>Zwischen Jedermann &#8211; und Niemandsland</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 11:41:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>overclouded_tangle</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wie lang war es nun her, dass er das letzte mal Land gesehen hatte? Der Reisende stand an der Reling und sah aufs offene Meer hinaus. Seit einigen Wochen schon, war das Meer ruhig. Trügerisch ruhig und schwarz wie der Raum zwischen den Sternen. Der Reisende sah hinab in die Tiefe. Dort unten war kein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } -->Wie lang war es nun her, dass er das letzte mal Land gesehen hatte? Der Reisende stand an der Reling und sah aufs offene Meer hinaus. Seit einigen Wochen schon, war das Meer ruhig. Trügerisch ruhig und schwarz wie der Raum zwischen den Sternen. Der Reisende sah hinab in die Tiefe. Dort unten war kein Licht. Und doch hatte er keine Angst vor den Ungetümen des Meeres. Die meisten Passagiere verließen das Innere des Schiffes nicht mehr. Andere Reisende standen  noch ängstlich neben den Aschenbechern in der Nähe der Türen. Sie trauten sich keinen Schritt weiter. Sie standen dort bewegungslos, starrten ängstlich zum Wasser und schnappten nach Luft. Wie Fische an Land, dachte der Reisende an der Reling. Fische, die Angst vor Wasser haben. Er atmete salzige, schwere Luft und sah noch einmal hinaus aufs Meer. Vielleicht, dachte er, ist es morgen anders. Er drehte dem Meer den Rücken zu und blickte auf den Schornstein in der Mitte des Schiffes. Er hörte die Klänge der Maschinen. Wie viel Zeit mochte vergangen sein, seit diese Klänge das letzte Mal verstummt waren? Ratternde Motoren, aufgeregte Stimmen, Zischen des Schornsteins.</p>
<p>Er ging an den Aschenbechern und einer Gruppe Jugendlicher vorbei hinein ins Schiff. Irgendwo  in diesem Gewirr aus mit Neonröhren beleuchteten Gängen befand sich seine Schlafnische. Seine Füße kannten den Weg, auch wenn seine Augen keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Gängen ausmachen konnten. Seine Füße brachten ihn immer wieder zu der selben Nische. An jeder Tür stand eine Nummer und er wusste, dass seine Kajüte sich hinter einer dieser Nummern verbarg, verbergen musste. Doch die Zimmernummer entschwand seinem Geist, wie ein Wassertropfen dem Meer. Es war wie mit dem Geschmack der süßen Limonade. Auch wenn der Gedanke noch da war, so war der Geschmack doch schon verschwunden, bevor der Zucker im Körper langsam zersetzt wurde. Der Reisende blieb stehen. Er drehte sich nach links. 2038475G stand in großen Lettern an der Tür. Hässliche, schwarze Ziffern aus Plastik, die begannen sich in seinem Gedächtnis aufzulösen, sobald sich die Augen auf etwas anderes richteten.</p>
<p>Der Passagier betrat die Koje. Zu seiner linken die Schlafnische, zur rechten ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch stand das Bild einer Gruppe junger Männer. Freunde aus früheren Zeiten umrundeten den jüngeren, fröhlicheren Reisenden. Der alte Reisende lächelte. Erinnerungen tauchten in seinem Kopf auf. Verloren geglaubte Erinnerungen eines alten Mannes. Er war der letzte aus dieser Gruppe, der noch auf dem Schiff war. Er setzte sich, nahm den Kalender von der Wand und hakte den nächsten Tag ab. Den 21.Juli. Es ist Sommer, dachte der Passagier – und das Meer ist schwarz. Der Reisende legte sich ins Bett und begrub den Kopf unter dem Kissen.</p>
<p>Ein alter Mann hatte ihm davon berichtet. Vielleicht sein Großvater. Vielleicht sein Vater. Große Hände hatten sich auf seine Ohren gelegt und er hatte den gedämpften Geräuschen der Außenwelt gelauscht. Die Stille, so hatte der alte Mann es beschrieben, sei noch viel viel leiser als alles, was er je wahrgenommen hatte. Unter diesen alten Händen war kaum noch etwas zu vernehmen gewesen.  Doch die Stille, was immer dieses Wort bedeuten mochte, musste noch leiser sein. Mit den Ohren sei es anders, als mit den Augen, hatte der alte Mann erklärt. Es ist nicht möglich, die Ohren zu verschließen.</p>
<p>Der alte Mann war schon vor langer Zeit verschwunden. Der Reisende versuchte sich an seinen Namen zu erinnern, doch  sein Kopf blieb leer. Er hatte auch von einem Ausflug an Land erzählt. Hier könne man an einigen Plätzen wahre Stille finden, hatte er gesagt. Das Gesicht des Reisenden verhärtete sich. Wie Schaum auf den Wellenbergen entstand Wut im Körper des Reisenden. Wieso sollte er die Stille suchen. Ewig nach etwas suchen, dass er jederzeit durch ein Wort, einen Schrei, einen Atemzug zerstören könnte. Etwas, das angeblich überall war, das ein Mensch jedoch nicht hören konnte. Die Wut sammelte sich hinter seiner Stirn und floss ihm aus den geöffneten Augen. Sie floss hinaus ins Meer, in dem sie versank. Das Meer nahm alles und doch blieb zu viel übrig. Zu viel für den siebenunddreißig-jährigen Reisenden, der sein Alter nicht kannte, weil er sich keine Zahlen merken konnte.</p>
<p>Im Schiffsbauch befanden sich, unter anderem, mehrere Speisesäle und Restaurants. Natürlich konnte man bei einem derart eingeschränktem Markt kein gutes Angebot erwarten. Die Möglichkeiten waren trotz aller Vorkehrungen sehr eingeschränkt. Der Reisende konnte mit  seinem vergesslichen Kopf nur ahnen, wie eingeschränkt das Angebot letztendlich war. Doch niemand sprach darüber. Drei mal täglich betraten die Passagiere scharenweise den Speisesaal. Die Jüngeren kamen in großen, lauten Gruppen. Die Älteren setzten sich in ausgewählten Kreisen an Vierer- oder Sechsertische. Der siebenunddreißig-Jährige aß allein. Das Meer der Fragen hatte sich zurückgezogen. Verschwunden war es nicht. Es lag mit seiner unendlichen Weite und Tiefe unbeweglich da. Es waren die Wellen, die fehlten. Selbst bei Sturm blieb das Meer jene schwarze bewegungslose Masse. Zumindest im Speisesaal. Mit diesen Wellen war auch die Angst vor dem  anderen, dem richtigen Meer geschwunden. Er glaubte nicht mehr an Gruselgeschichten.</p>
<p>Nach dem Essen begab sich der Reisende, der sein Alter nicht kannte, ins Vorzimmer des Kapitäns. Wie jeden Vormittag setzte er sich an die Abrechnungen. In diesem Zimmer, zu dem neben dem Kapitän nur er Zugang hatte, fand er handgeschriebene Tabellen, die er abtippen und mit Statistiken vergleichen musste. Trotz seines schlechten Zahlengedächtnisses erledigte er die Arbeit mühelos, geradezu mechanisch. Auch mit den Zahlen war es wie mit der süßen Limonade aus Kindertagen: Wenn das zweite Glas süßer war als das erste, dann konnte er die Differenz feststellen, auch wenn der Geschmack des ersten Glases schon längst vergessen war.</p>
<p>Die Wut wurde von Tag zu Tag schlimmer. Er schrieb eine Notiz für den Käpten. Eine Bitte um ein Treffen. Zwar wusste er nicht, wie lange er schon für den Kapitän arbeitete, doch es musste lange genug sein. Er konnte sich nicht daran erinnern nicht für den Kapitän zu arbeiten. Er erledigte seine Arbeit gut und routiniert, so dass er es ohne jeden Zweifel verdient hätte, den Kapitän zu treffen. Er hatte so viele Fragen. Wütend schrieb er auf den Zettel. „Wie lange ist es her?“ Und fügte nach einer Pause hinzu: „Wohin verschwinden all die Zahlen?“, und  „Wohin fährt dieses Schiff?“ Als er die Kajüte verließ, knallte er die Tür hinter sich zu. Die Fragen blieben auf der anderen Seite. Mit der Schrift eines alten Mannes auf einen Zettel voller Zahlen geschrieben.</p>
<p>Der Reisende machte sich auf den Weg zum Passagierdeck. Zur Reling. Zum Meer. Auf dem Weg traf er einige junge Leute, die über den Kapitän zu sprechen schienen. Sie rätselten, wie alle jungen Leute zu Rätseln pflegten. Zu suchten. Ob es um den Käpten oder die Ungeheuer des Meeres ging, der Passagier war diesem Gespräch müde geworden. Er hörte einen von ihnen flüstern. „Und seit zwanzig Jahren &#8211;  kein Wort.“</p>
<p>Er stellte sich an die Reling und betrachtete das Meer.  Die schwarze Zunge wellte sich unter der Last des Schiffes. Die Maschinen ächzten, das Schiff schwankte und zitterte wie immer. Merkwürdig, dass der Reisende diese Bewegung noch spüren konnte. Es hieß, man gewöhne sich daran. Irgendwann passe sich der Körper perfekt dem Rhythmus des Schiffes an, wurde immer wieder berichtet. Der Reisende blickte hinab. Das Schiff läuft nach unten hin spitz zu, erinnerte er sich. Ein Schnitt war in der Zunge des Ungetüms, das sie schon längst verschlungen hatte, entstanden. Kein Tiefer Schnitt, aber doch eine Veränderung, eine Spur.</p>
<p>Am Abend trugen die Füße den Reisenden durch die mit blendend weißem Licht beleuchteten Flure. Wie jeden Abend suchte sein Geist nach Erinnerungen, während der Reisende sich durch die engen Gänge bewegte. Er blieb stehen und betrachtete die schwarzen Ziffern an der Tür der Kabine. 379538A21 stand auf der Tür, die er lächelnd öffnete. Er betrat die kleine Kajüte und sah sich um.  Auf dem Nachttisch stand ein Photo seiner Frau. Er lächelte. Wie lang mochte es her sein, dass er Sie gesehen hatte? Er hakte im Kalender an der Wand den 14. April ab und legte sich ins Bett. Mit den Gedanken an die Frau auf dem Photo schlief er ein. Er musste Sie einmal sehr geliebt haben, wenn ihr Photo das einzige war, das er auf diese Jahrelange Reise mitgenommen hatte.</p>
<p>Gegen Mitternacht wurde die Tür geöffnet. „So ein Mist,“ entfuhr es dem jungen Passagier, „ausgerechnet in meiner Kajüte“. Die Tür wurde geschlossen. Auf dem Flur verdrehte ein Jugendlicher die Augen und wandte sich an seinen Freund. „Kann ich in deiner Kajüte schlafen? In meiner liegt der Kapitän. Du weißt doch, man darf ihn nicht wecken. So ein Mist. Ausgerechnet heute, ausgerechnet ich!“ Der Freund nickte und versuchte zu trösten „Gestern traf es den Blonden aus Einheit G auf dem 2. Deck, heute trifft es dich. Nimm es nicht so schwer.“ Schritte hallten durch den Gang tief unten im Schiffsbauch.  Von der Schwarzen Zunge des Ungetüms umschlungen, bewegte sich das Schiff weiter durch die Nacht.</p>
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