Die Teilnahmslosen
Wie lange habe ich kein Lächeln mehr auf deinem Gesicht gesehen? Jetzt sehe ich es und jetzt verstehe ich. Der süße Schlaf vermag hervorzulocken, was mir so lang vergönnt. Du lächelst. Doch wo bist du gerade? Im Dämmerlicht verschwunden. In deine selbstgemalten Bilder hinein getaucht. Dort willst du sein. Allein, ohne dich allein zu fühlen. In diesen deinen Nebelschwaden verfolgt dich Nichts und Niemand mehr. Hier kannst du sein. Jahrelang habe ich mich gefragt wo du bist, wenn du in dir selbst versinkst. Die Welt ist Traum, der Traum ist Welt. Deine Welt.
Wie oft habe ich dich aufgeweckt aus diesem Nebeldunst; dir sanft ins Ohr geflüstert: Wach auf mein Freund, wach auf. Komm her, komm her zu mir. In eine andere Welt. Nicht meine Welt, nicht deine Welt. Wie oft hast du mich angefleht dich nicht herauszureißen. Kein Licht und keinen Ton. Kein Außen willst du sehen. Wie oft hast du dich weggedreht, in deine Welt hineingedreht? Nur nicht zurück, nur nicht zurück in diese Welt der Körper.
Ich verstehe dich. Ich verstehe dich gut. Wenn du mich anblickst sehe ich die Unruhe, mit der dich der Gedanke daran erfüllt. Ich weiß genau wie du, dass die Welt der Körper auch die Welt der Zerstörung ist. Hier zerspringen die Schalen der teilnahmslosen Halbkugeln. Doch dich werden sie nicht mit sich nehmen. Niemals werden sie dich aus deiner Welt hinaus lösen. Du bleibst in Sicherheit.
Ich weiß doch ebenso wie du, was in der Körper-Welt geschieht. Ich weiß, dass jene Halbkugeln, nicht mehr als kleine Nussschalen, versuchen sich zu bewegen. Zitternde dünne Beine schnellen heraus aus den Käferkörpern. Ich habe mir vorgenommen einmal wirklich hin zu sehen. Ich will die Augen nicht verschließen. Ich fokussiere wahllos einen der Körper. Ein Bein schnellt hervor und tastet den Grund unbeholfen und hektisch ab. Sobald der Grund an einer bestimmten Stelle ein wenig rauer zu sein scheint verweilt das Bein und streckt sich langsam aus. Es ist ein gerades Bein, ganz ohne Knie. Aus ineinander geschobenen Röhren bestehend, erinnert es an ein Teleskop. Ein erstes Knacken und der Körper erhebt sich langsam vom Boden. Er schiebt über auf eine seiner Kanten. Bald werde ich die weiche, wahrscheinlich schleimige Innenseite des Wesens sehen. Stück für Stück hebt sich das Wesen in die Luft. Nur einen Augenblick verharrt es bewegungslos auf der Kante. Dann beginnt es zu taumeln. Auf ein letztes Knacken folgt der Sturz. Schon liegt der Käfer auf dem Rücken und schaukelt langsam hin und her.
Die Unterseite ist anders als ich es erwartet hätte. Sie ist weder weich noch schleimig. Die Vorstellung kommt mir jetzt, da ich die Unterseite sehe, geradezu absurd vor. Der Panzer des Wesens scheint hier genauso fest zu sein, wie auf der gewölbten anderen Seite. Das Bein ist irgendwo verschwunden; wahrscheinlich schon während das Wesen zu Boden ging. Die verkrustete unebene Schale ist ein gutes Versteck für eingefahrene Beine. So kann ich es nicht mehr erkennen. Während meine Augen nach dem Versteck des Beines suchen, sehe ich, dass an einer Stelle noch müde ein halbes Bein herunterhängt. An der dunklen Verfärbung dieses halben Beines kann ich erkennen, dass es sich um ein altes, schon seit längerer Zeit abgestorbenes Bein handelt. Ich sehe mehrere Schichten, die früher einmal reibungslos ineinander gleiten konnten. Das letzte dieser Stücke endet an einer Art Bruchkante, die ich kaum als Wunde bezeichnen möchte. Dort ist kein Eiter und kein Blut.
Weiter oben, ganz nah am Körper ist das Material matt und eingedrückt. Das Bein hängt von hier an abgeknickt herunter. Ich betrachte die Wurzel des toten Stumpfes. Eine kleine kreisförmige Linie, so fein wie ein Haar, umrundet den Beinansatz. Das also ist es, wonach ich suche. Die Verbindung ins Innere. Auch wenn mich höchstwahrscheinlich nur etwas Widerwärtiges, etwas Abstoßendes erwartet, so möchte ich doch am liebsten die Schale knacken und dieses Wesen herausholen. Nur um es einmal gesehen zu haben. Doch ich begnüge mich damit die raue Schale der Wesens nach feinen Haarrissen zu untersuchen. Vielleicht befinden sich dort auch kleine Löcher, durch die ich hineingucken kann. Während meiner Suche gehe ich einen Schritt zurück, um einen Überblick zu bekommen und um dem Wesen etwas Raum zu geben. Je länger ich auf die Oberfläche starre, desto mehr scheint sie sich zu bewegen. Sie hebt und senkt sich an einigen Stellen. An anderen öffnet sich eine Luke. Sobald mein Auge die entsprechenden Stellen fixiert, ist da nichts mehr. Nur aus dem Augenwinkel kann ich sie sehen.
Die schaukelnde Schale kommt zum Stillstand. Ruhig, vielleicht sogar abwartend wirkt das Wesen auf mich. Langsam schiebt sich ein weiteres Bein hervor. Wieder sind keine Gelenke zu sehen. Und doch unterscheidet sich dieses Bein von seinem Vorgänger. Es scheint den Boden nicht zu suchen und an seiner Oberseite befindet sich eine kleine Kugel. An einem glänzenden Silberfaden wird von dieser Kugel aus ein Haken heruntergelassen. Sobald der Haken den Boden erreicht, beginnt sich das Bein als ganzes zu drehen. Der Haken schleift über den Boden, bis er auf ausreichenden Widerstand stößt. Ich ahne was nun passieren wird. Der Silberfaden wird gespannt und die Angel biegt sich. Wieder höre ich dieses verheißungsvolle Knacken. Die Halbkugel dreht sich langsam auf die Kante.
Ich muss mich zwingen den Blick nicht abzuwenden. Dieses Mal wird es einen lauten Knall geben. Das gesamte Gewicht des Wesens wird mit einem Schlag auf der ebenen Unterseite des Käfers landen. Ich gehe ein paar Schritte zurück. Meine Hände legen sich schützend über meine Ohren, doch meine Augen bleiben geöffnet. Mein Blick ruht weiterhin auf dem halbrunden Etwas, das sich nun wieder senkrecht vor mir aufbaut. Der Körper scheint einen Moment in der Luft zu schweben, und fällt kurz darauf mit atemberaubender Geschwindigkeit zu Boden. Wie bei einer Münze, die sich auf der Kante gedreht hat, ist auch hier noch ein Nachbeben, ein gewisses Zittern erkennbar. Erst als das Zittern nachlässt wird mir bewusst, dass ich nichts gehört habe. Selbst unter den Händen, die sich ängstlich auf meine Ohren pressten, müsste ein Geräusch zu hören gewesen sein. Doch da war nichts. Kein Geräusch. Kein lauter Knall der Befreiung, kein Schrei. Nur die stumme Gewissheit.
Ich atme noch einmal tief durch und betrachte erneut dein schlafendes Gesicht. Ich blicke in deine geschlossenen Augen und flüstere in dein Ohr: Komm zurück mein Freund, komm zurück.
Ich habe mir oft gewünscht du würdest mich mitnehmen in deine Welt. Ich habe die Augen geschlossen, mich neben dich gelegt und dich gesucht. Doch deine Welt ist ein Traum. Dein Traum ist deine Welt. Mittlerweile habe ich begriffen, dass ich sie niemals betreten werde. Nur hier kann ich dich treffen; auch das habe ich begriffen. Doch du schläfst weiter und träumst dich davon. Ich sehe dich träumen. Ich sehe dich lächeln.
Für dich gibt es schon lange keine Käfer, die sich nicht trauen mehr als eines ihrer Beine zu benutzen. Doch hier in der Welt der Körper, der Welt der Kälte, hier warten sie auf dich. Und mit ihnen warte ich und bewache deinen Schlaf. Doch während meiner Beobachtung ist mir etwas weiteres klar geworden: Lange halte ich es hier nicht mehr aus. Allein mit all den teilnahmslosen Halbkugeln habe ich schon zu lange gewartet, während du allein durch deine Träume gewandert bist. Vielleicht siehst du ein Abbild meines Gesichts. Vielleicht hörst du meine Stimme flüstern. Vielleicht fühlst du meine Hände auf deinen Schultern, wenn ich dich wach zu rütteln versuche. Vielleicht hörst du mich rufen. Wach endlich auf! Vielleicht existiert ein Echo meiner selbst in deinem Traum. Doch eines ist mir klar geworden: Ich existiere dort nicht. Ich habe es verstanden. Geräuschlos verstanden. Ganz ohne einen Knall der Befreiung, ganz ohne Schrei bleibt nichts als stumme Gewissheit.

